
Raiffeisen – Struktur, Geschichte und Dienstleistungen
Raiffeisen zählt zu den bedeutendsten Namen im europäischen Bankwesen. Was als genossenschaftliche Bewegung im 19. Jahrhundert begann, hat sich zu einem weitverzweigten Finanznetzwerk entwickelt, das heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent ist. Die Organisation unterscheidet sich grundlegend von gewöhnlichen Geschäftsbanken durch ihr genossenschaftliches Modell, das Mitglieder statt Aktionäre in den Mittelpunkt stellt.
Für Millionen von Menschen sind Raiffeisenbanken ein vertrauter Anlaufpunkt für alltägliche Bankgeschäfte. Doch hinter dem Namen verbergen sich unterschiedliche Rechtsstrukturen und eigenständige Organisationen, die lediglich eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Werte teilen. Ein Überblick über die Struktur, die Dienstleistungen und die historischen Wurzeln der Raiffeisen-Gruppe.
Was ist Raiffeisen?
Raiffeisen bezeichnet ein Netzwerk von Genossenschaftsbanken, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Im Kern basieren alle Raiffeisenbanken auf dem Prinzip der Selbsthilfe, das der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen entwickelte. Im Gegensatz zu klassischen Aktienbanken gehören die Raiffeisenbanken ihren Mitgliedern, den sogenannten Genossen.
Bei Raiffeisen sind Kunden gleichzeitig Mitglieder und Eigentümer. Die Gewinne fließen nicht an Aktionäre, sondern werden zur Stärkung der Genossenschaft und für günstigere Konditionen verwendet.
Gehört Raiffeisen zu einer größeren Gruppe? Die Antwort hängt davon ab, welches Land betrachtet wird. In der Schweiz bildet Raiffeisen Schweiz eine eigenständige Genossenschaftsgruppe, während in Österreich die Raiffeisen Zentralbank Österreich als Zentralinstitut fungiert. In Deutschland existieren zahlreiche unabhängige Raiffeisenbanken, die dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken angehören.
Unterschied Raiffeisen Schweiz und Deutschland
Die Schweizer Raiffeisen-Organisation operiert als Einheit unter dem Dach von Raiffeisen Schweiz Genossenschaft mit Sitz in St. Gallen. Mit einer Bilanzsumme von 297 Milliarden Franken zählt sie zur zweitgrößten Bankengruppe der Schweiz. Die deutschen Raiffeisenbanken hingegen sind überwiegend regional tätig und fusionierten seit den 1970er Jahren zu größeren Einheiten. Jede deutsche Raiffeisenbank bleibt rechtlich selbstständig, während in der Schweiz eine stärkere Zentralisierung besteht.
1862/1864 durch F.W. Raiffeisen
Genossenschaft (eG) in DE, Genossenschaft in CH
Selbsthilfe, Solidarität, Selbstverwaltung
Deutschland, Österreich, Schweiz
- Mitglieder sind zugleich Eigentümer der Bank
- Regional verwurzelte Entscheidungsstrukturen
- Kein gewinnorientiertes Geschäftsmodell, sondern Fokus auf Mitgliedernutzen
- Breites Filialnetz in ländlichen Regionen
- Zugang zu Krediten auch für kleinere Betriebe und Privatpersonen
- Starke Position im Agrarsektor durch Waren- und Raiffeisenmärkte
| Fakt | Details |
|---|---|
| Gründer | Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) |
| Erste Gründung | 1862 in Heddesdorf (heute Neuwied) |
| Erste Schweizer Kasse | 1899 in Bichelsee TG |
| Bilanzsumme CH | 297 Mrd. Franken (Schweizer Gruppe) |
| Genossenschaften zu Lebzeiten | Circa 400 Spar- und Darlehnskassenvereine |
Welche Dienstleistungen bietet Raiffeisen?
Die Raiffeisenbanken bieten ein umfassendes Spektrum an Finanzdienstleistungen für Privat- und Geschäftskunden. Zum Standardangebot gehören Girokonten, Sparkonten, Kreditkarten und Baufinanzierungen. Als Genossenschaftsbanken legen sie besonderen Wert auf persönliche Beratung und langfristige Kundenbeziehungen.
Kontoeröffnung bei Raiffeisen
Wer ein Konto bei einer Raiffeisenbank eröffnen möchte, wird in der Regel Mitglied der Genossenschaft. Die Kontoeröffnung erfolgt vor Ort in der Filiale oder teilweise auch digital. Neben dem Girokonto bieten viele Raiffeisenbanken spezifische Kontomodelle für Studierende, Rentner und Geschäftskunden an.
Online Banking bei Raiffeisen
Die Digitalisierung hat auch die Raiffeisenbanken erreicht. Über Online-Banking-Portale und Apps können Kunden Überweisungen tätigen, Daueraufträge verwalten und ihre Finanzen einsehen. Die Sicherheitsstandards entsprechen den aktuellen Anforderungen des Online-Banking.
Die Standorte der einzelnen Raiffeisenbanken variieren je nach Region. Interessierte können über die jeweiligen Webseiten der regionalen Institute die nächstgelegene Filiale finden. In ländlichen Gebieten Deutschlands sind Raiffeisenbanken oft die einzige Bank vor Ort.
Geschichte und Gründer von Raiffeisen
Die Geschichte von Raiffeisen beginnt im Westerwald des 19. Jahrhunderts. Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde 1818 geboren und arbeitete als Bürgermeister in verschiedenen Gemeinden. Die Armut und das Elend der Landbevölkerung prägten seinen Alltag und motivierten ihn zum Handeln.
Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Der Sozialreformer
Nach ersten karitativen Unterstützungsversuchen erkannte Raiffeisen, dass Almosen allein keine nachhaltige Lösung darstellten. Seine Überzeugung kristallisierte sich heraus: Nur „Hilfe zur Selbsthilfe” konnte die strukturellen Probleme der armen Bevölkerungsschichten dauerhaft lösen. Seine Genossenschaftsidee baute auf drei Säulen auf: Selbsthilfe, Solidarität und Selbstverwaltung.
1862 gründete Raiffeisen in Heddesdorf den ersten Darlehnskassen-Verein. Dieses Modell fand rasch Nachahmer, und zu seinen Lebzeiten entstanden bereits etwa 400 nach seinem System organisierte Spar- und Darlehnskassenvereine. Die Idee verbreitete sich über ganz Europa und bildete die Grundlage für das heutige Genossenschaftswesen.
Entwicklung in Österreich und der Schweiz
Die Raiffeisen-Bewegung breitete sich nach Deutschland auch in Österreich und der Schweiz aus. In Österreich begann der Durchbruch 1885 mit agrarischen Tagungen, die das Interesse der Landtage weckten.
Im März 1886 entstand in Roßwein die erste Kreditgenossenschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie, im Dezember 1886 wurde in Mühldorf bei Spitz an der Donau der erste Darlehnskassenverein nach Raiffeisens Prinzip gegründet. Zehn Jahre nach der ersten Gründung waren bereits rund 600 Spar- und Darlehenskassen entstanden.
Die Schweiz übernahm das Modell ab 1899. Auf Initiative von Pfarrer Johann Traber entstand in Bichelsee im Thurgau die erste Schweizer Raiffeisenkasse. Traber verfasste die Statuten basierend auf Raiffeisens Modell von 1846. Der Schweizerische Raiffeisenverband wurde am 12. Juni 1902 gegründet.
1927 wurde die Genossenschaftliche Zentralbank in Österreich gegründet, die später in Raiffeisen Zentralbank Österreich umbenannt wurde. 1986 begann die internationale Expansion mit der Gründung einer Tochterbank in Ungarn. 2004 entstand die Raiffeisen International Bank Holding AG als eigenständiges Börsenunternehmen.
Finanzielle Aspekte: Anteile und Struktur
Als Genossenschaftsbanken arbeiten Raiffeisenbanken nicht gewinnmaximierend, sondern dienen den Interessen ihrer Mitglieder. Die Genossenschaftsanteile stellen die Mitgliedschaft sicher und geben Stimmrechte bei der Generalversammlung.
Das Genossenschaftsmodell erklärt
Das Genossenschaftsmodell unterscheidet sich fundamental von Aktienbanken. Die Mitglieder erwerben einen oder mehrere Geschäftsanteile, die je nach Institut unterschiedlich hoch ausfallen können. Diese Anteile sind keine Geldanlage im klassischen Sinne, sondern Voraussetzung für die Mitgliedschaft und die Nutzung der Bankdienstleistungen.
Die Gewinne werden nicht an Aktionäre ausgeschüttet, sondern fließen in die Rücklagen oder werden für günstigere Konditionen und höhere Sparzinsen verwendet. Diese Struktur ermöglicht es Raiffeisenbanken, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stabile Konditionen anzubieten.
Wie bei allen Banken in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterliegen auch die Raiffeisenbanken der Aufsicht durch nationale Regulierungsbehörden. Die Einlagensicherungssysteme schützen Kundeneinlagen bis zu den gesetzlich festgelegten Grenzen.
Zeitlicher Überblick: Meilensteine der Raiffeisen-Bewegung
- 1818: Geburt Friedrich Wilhelm Raiffeisens
- 1862: Gründung des ersten Darlehnskassen-Vereins in Heddesdorf
- 1885: Durchbruch der Raiffeisen-Idee in Österreich
- 1886: Erste Kreditgenossenschaft in Österreich-Ungarn
- 1899: Erste Schweizer Raiffeisenkasse in Bichelsee
- 1902: Gründung des Schweizerischen Raiffeisenverbands
- 1927: Gründung der Genossenschaftlichen Zentralbank Österreich
- 1986: Internationale Expansion nach Ungarn
- 2004: Gründung der Raiffeisen International Bank Holding AG
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Raiffeisenbanken und обычных Banken?
Der wesentliche Unterschied liegt in der Eigentumsstruktur. Raiffeisenbanken gehören ihren Mitgliedern, die gleichzeitig Kunden sind, während klassische Aktienbanken Aktionären gehören. Die Gewinne werden bei Genossenschaftsbanken nicht ausgeschüttet, sondern für bessere Konditionen und Rücklagen verwendet.
Ist Raiffeisen eine einheitliche Organisation?
Nein, Raiffeisen existiert in verschiedenen Ländern als eigenständige Organisationen. In der Schweiz bildet Raiffeisen Schweiz eine zentralisierte Gruppe, während in Deutschland und Österreich regionale Institute unabhängig agieren, jedoch gemeinsame Werte und eine gemeinsame Geschichte teilen.
Welche Dienstleistungen bieten Raiffeisenbanken an?
Raiffeisenbanken bieten das vollständige Spektrum an Bankdienstleistungen: Giro- und Sparkonten, Kreditkarten, Baufinanzierungen, Online-Banking, Anlageberatung und Kreditvergabe für Privat- und Geschäftskunden.
Wie werde ich Mitglied bei einer Raiffeisenbank?
Um Kunde bei einer Raiffeisenbank zu werden, erwirbt man in der Regel einen oder mehrere Geschäftsanteile der Genossenschaft. Dies kann bei der Kontoeröffnung in der Filiale oder teilweise auch digital erfolgen. Die Anteile sind keine Geldanlage, sondern Voraussetzung für die Mitgliedschaft.
Wer hat Raiffeisen gegründet?
Gegründet wurde die Bewegung von Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), einem Sozialreformer und Bürgermeister im Westerwald. Er entwickelte das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe” und gründete 1862 den ersten Darlehnskassen-Verein in Heddesdorf.